Rede zum Prüfantrag Gewaltschutz für Frauen und Mädchen der Freien Wähler Rodgau vom 09.02.2026

 

"Sehr geehrter Herr Vorsitzender, meine sehr verehrten Damen und Herren der Fraktionen, des Magistrats, der Presse, sehr verehrte Gäste auf der Empore.

Eigentlich müsste ein solcher Antrag überhaupt nicht gestellt werden müssen. Aber, wie sieht die Realität denn überhaupt aus ? Solange sich z.B. Menschen zu Veranstaltungen verabreden, um sich zu prügeln, nehmen diese billigend in Kauf, entweder sich selbst ernsthaft zu verletzen oder andere zu verletzten. In welcher Welt leben wir denn? Nimmt die Respektlosigkeit überhand ? Was passiert hinter verschlossenen Türen ? Wie hoch ist eigentlich die Dunkelziffer, wenn die Statistiken schon erschreckende Zahlen bringen ?

Mit dem Prüfantrag wird ein Thema aufgegriffen, das uns alle angeht – nicht als abstrakte Statistik, sondern als konkrete kommunalpolitische Aufgabe: den Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt und die dringend notwendige Verbesserung der Informationsverfügbarkeit in unserer Stadt. Klar, kann man sich darauf zurückziehen, dass dies die Aufgabe des Kreises Offenbach ist, nein meine sehr verehrten Damen und Herren. Dieses Thema geht uns alle an und glauben sie mir, wir können als Stadt Rodgau unseren Beitrag leisten.

Lassen Sie mich mit Zahlen beginnen, die wir nicht länger ignorieren können. Jede dritte Frau in Deutschland erlebt im Laufe ihres Lebens psychische, physische oder sexuelle Gewalt. Digitale Gewalt nimmt zu, und wir sehen eine Zunahme häuslicher Gewalt, die oft im Verborgenen bleibt. Durch KI wird es zunehmend einfacher Frauen und Mädchen zu demütigen und schlechtestensfalls in den Suizid zu treiben.

Aber Zahlen allein helfen niemandem. Was wir brauchen, ist eine Infrastruktur der Hilfe, die sichtbar ist, zugänglich und vor allem: bekannt. Denn das größte Problem ist nicht das Fehlen von Hilfsangeboten an sich – wir haben engagierte Trägervereine, wie der kreisweit agierende Verein „Frauen helfen Frauen“ und Frauenhäuser, Beratungsstellen und Sozialdienste. Das Problem ist die Unsichtbarkeit dieser Angebote für diejenigen, die sie brauchen.

Wenn eine Frau Gewalt erfährt – sei es häusliche Gewalt, Stalking, sexuelle Übergriffe oder digitale Gewalt –, dann befindet sie sich in einer Ausnahmesituation. In diesem Moment muss Hilfe greifbar sein. Sie darf nicht erst nach stundenlanger Internetrecherche oder durch mühsames Nachfragen in Behörden gefunden werden. Genau hier setzt dieser Prüfantrag an: Wir müssen die Verfügbarkeit von Informationen zum Gewaltschutz noch weiter verbessern und ausbauen.

Was würde das konkret für unsere Stadt bedeuten?

Da ich nicht nur die Probleme erläutern, sondern auch einige Lösungsmöglichkeiten schon mal in den Raum werfen möchte, werde ich ein paar Punkte ansprechen.

Erstens: Sichtbarkeit im öffentlichen Raum. Wenn wir unsere Rathäuser, Bibliotheken und öffentlichen Toiletten betrachten – finden wir dort die notwendigen Informationen? Finden sich dort die Telefonnummern des Hilfetelefons, der lokalen Frauenhäuser, der Beratungsstellen und das in mehreren Sprachen? Die Antwort ist leider: nur unzureichend. Ich schlage vor, dass wir ein einheitliches, stadteigenes Informationssystem entwickeln. Plakate, Aufkleber, QR-Codes, die direkt zu sicheren Informationsseiten führen – und das nicht nur im Rathaus, sondern in allen städtischen Gebäuden.

Zweitens: Die digitale Infrastruktur. Unsere Stadtverwaltung betreibt eine Website. Aber wie einfach ist es dort, Informationen zum Gewaltschutz zu finden? Wie gut sind diese aufbereitet? Die Stadt Rodgau ist schon ganz gut dabei, aber es ist noch Luft nach oben. Dafür ist dieser Prüfauftrag die Grundlage. Wir brauchen eine zentrale, barrierefreie Anlaufstelle im Netz – verknüpft mit allen relevanten Angeboten, verständlich geschrieben, in einfacher sowie in mehreren Sprachen. Im Ausschuss wurde von einer Fraktion empfohlen die Wörter „in einfacher Sprache“ aus dem Antrag herauszunehmen. Das hätte ich jetzt nicht erwartet, denn es gibt eine gesetzliche Verpflichtung, genau dies so zu machen. Als Grundlage dient das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Klingt ganz schön sperrig, sagt aber aus, dass Veröffentlichung in einfacher Sprache durchgeführt werden müssen. Gewalt betrifft alle gesellschaftlichen Schichten und alle Herkunftskulturen. Eine Frau, die kaum Deutsch spricht und Gewalt erfährt, muss trotzdem sofort wissen, wo sie Hilfe findet.

Drittens: Prävention in Schulen und Kitas. Für die Lehrkräfte ist das Land, für die Schulgebäude der Kreis Offenbach zuständig. Hier appelliere ich an die im Kreistag vertretenen Parteien und Gruppierungen, meine Worte ernst zu nehmen. Gewaltschutz beginnt mit Aufklärung. Wir müssen sicherstellen, dass an allen städtischen Kitas altersgerechte Programme zum Schutz vor sexualisierter Gewalt stattfinden – und dass die Erzieher und Erzieherinnen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn Verdachtsfälle auftreten. Das bedeutet auch, Informationsmaterial für Eltern, die damit erkennen, wie sie ihre Kinder schützen und welche Anzeichen auf Gewalt hinweisen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, man mag sagen: Das ist Aufgabe des Landes, des Bundes, der Polizei. Aber ich sage: Es ist auch unsere Aufgabe als Kommune. Wir sind die Ebene, die den Bürgerinnen am nächsten ist. Wir kennen die lokalen Strukturen, wir können schnell und unbürokratisch handeln. Wir können die Lücken schließen, die zwischen großen Landesprogrammen und dem tatsächlichen Alltag der Betroffenen klaffen.

Stellen Sie sich vor: Eine junge Frau in unserer Stadt erlebt häusliche Gewalt. Es ist zwei Uhr nachts. Sie packt gerade ihre Tasche, während ihr Partner schläft. Sie hat fünf Minuten Zeit. Sie greift zum Handy, googelt „Hilfe Gewalt Stadt Rodgau" – und findet sofort: die Nummer, die Adresse, den Weg. Oder sie geht am nächsten Morgen zur Schule ihrer Kinder und sieht im Eingangsbereich einen neutralen, aber eindeutigen Hinweis: „Sie sind nicht allein. Hier gibt es Hilfe." Das kann den Unterschied machen, zwischen dem Mut sich Hilfe zu suchen und der verzweifelten Rückkehr in die Gewaltsituation.

Wie verbessern wir die Informationsverfügbarkeit? Wie schaffen wir ein einheitliches Erscheinungsbild aller Gewaltschutzinformationen in der Stadt?

Lassen Sie uns nicht warten, bis die nächste Tragödie die Zeitungen füllt. Lassen Sie uns handeln, bevor es soweit kommt. Gewaltschutz ist keine linke oder rechte, keine konservative oder grüne Angelegenheit – es ist eine Frage der Menschenwürde und der kommunalen Verantwortung.

Der Teil 2 des Antrages beschäftigt sich mit dem in die Jahre gekommenen Frauenhaus. Durch unseren Antrag soll geprüft werden, ob die Stadt Rodgau Möglichkeiten sieht, auch hier weitere Hilfestellungen bei der Suche nach einer geeigneten Immobilie zu leisten. Mir ist bekannt, dass es in der Vergangenheit schon Hilfsangebote und auch Vorschläge der Stadt Rodgau gab. Ich schlage vor und der Antrag geht auch in diese Richtung auch hier nicht nachzulassen und gemeinsam mit dem Trägerverein nach einer Immobilie zu suchen. Kostenträger wäre unmissverständlich der Kreis Offenbach. Aufgrund der Einwohnerzahl sind für den Kreis Offenbach 36 Familienzimmer in Frauenhäusern vorgesehen. Leider sind nur 10 vorhanden. Hier ist zu prüfen, wie dies verbessert werden kann.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf Ihre Unterstützung für ein noch stärkeres Engagement unserer Stadt beim Schutz von Frauen und Mädchen.

Wir stimmen natürlich für unseren Antrag und bitten sie dies auch zu tun."

Vielen Dank
Rodgau, den 09.02.2026

Karl-Heinz Dauth
(Fraktionsvorsitzender der Fraktion Freie Wähler Rodgau)